06.07.2021 | ArcelorMittal Eisenhüttenstadt

Episoden und Hintergründe aus 70 Jahren Stahl-Zeiten

Im vergangenen Jahr beging ArcelorMittal Eisenhüttenstadt sein 70-jähriges Jubiläum. Die Entwicklung unseres Unternehmens in diesen sieben Jahrzehnten ist eine Geschichte, geprägt von Erfolgen und Rückschlägen.

Es waren die mit dem Werk verbundenen Menschen, die diese außergewöhnliche Erfolgsgeschichte schrieben. Heute ist ArcelorMittal Eisenhüttenstadt ein integriertes Hüttenwerk, in dem auf modernen Anlagen hochwertiger Qualitätsstahl produziert wird.

Mit der Broschüre „STAHL-Zeiten“ soll an Geschichten unseres Unternehmens erinnert werden, an bekannte, weniger bekannte und vielleicht schon vergessene Geschichten, Menschen und Episoden. So wird auf Seite 14 ein Ereignis aufgeführt, das weitreichende und letztendlich tragische Folgen hatte.

Es ist die Geschichte von Otto Ringel. Als erster Werkleiter gehörte er zu den Menschen, die die Aufbaujahre des Eisenhüttenkombinates maßgeblich mitgestaltet haben, andererseits war er Teil und letztlich Opfer eines politischen Systems, das mit allen Mitteln seine Ziele durchsetzte. Er gehörte zu den Angeklagten eines geplanten Schauprozesses der SED, die Schuldige für die anfänglichen Schwierigkeiten an den Hochöfen suchte. Im Februar 1952 wird er abgesetzt. Anstelle eines Schauprozesses muss er in den folgenden Jahren weitere Erniedrigungen und Demütigungen erleiden, die ihn 1956 in den Tod trieben. Zu DDR-Zeiten wurde sein Schicksal totgeschwiegen.

Nun, fast 70 Jahre später, können es die Familienangehörigen von Otto Ringel immer noch nicht begreifen, was damals passierte. Weder seine Frau noch später seine Kinder und Enkel wurden jemals über die wahren Umstände aufgeklärt. Unterlagen gibt es kaum. Sie suchen bis heute nach einer Erklärung. Im letzten Jahr tagte der Familienrat. Denn die Tochter von Otto Ringel, inzwischen 90 Jahre alt, spricht immer wieder von dieser Geschichte, die sie bis heute belastet. Ihren Kindern erzählte sie: „Der Opa, also der Vater, war ja nie für mich da. Hat man ihn im Betrieb gebraucht, stand er auf der Matte, hat alles stehen und liegen lassen. Urlaub gab es auch fast nie. Er wäre eben unabkömmlich. Warum sollte er denn sein Lebenswerk in den Sand setzen? Setzt sich Tag und Nacht für den Betrieb ein, baut das vom Grundstein auf und dann tut er sein eigenes Werk sabotieren? Das ist doch Quatsch.“

Die Enkel Barbara Förster und Egbert Krauß beschließen schließlich, gemeinsam in das von Thüringen aus 385 km entfernte Eisenhüttenstadt zu fahren. Urenkelin Nicole Förster (extra aus der Schweiz angereist) und Urenkel Sebastian Krauß sollten sie begleiten. Vielleicht bekommen sie doch noch weitere Informationen. Ein mit dem Unternehmensarchiv vereinbarter Termin musste aufgrund der Corona-Maßnahmen auf den 30. September verlegt werden. Dann standen sie am Werktor, aufgeregt und voller Erwartungen. Mit dem Archivar Norbert Otto fuhren sie ins Roheisenwerk, schauten sich den alten Hochofenkomplex an. Von ehemals sechs, sind nur drei Öfen zu sehen. Doch der Allererste steht noch. Ergriffen bestaunten sie die riesigen Kolosse und sind stolz auf das, was der Opa Otto in den 1950ern aufgebaut hat und was seitdem für viele Tausende von Menschen eine Existenz brachte.

Leider fanden sich außer dem bereits Bekannten keine weiteren Unterlagen im Unternehmensarchiv, auch hier verschwanden zu DDR-Zeiten belastende Akten. Die Familie übergab das Original der Urkunde zum „Nationalpreis“, den Otto Ringel 1949 erhielt an das Unternehmensarchiv. Zum Abschluss ihres Besuches bedankte sich Nicole Förster herzlich für die Gelegenheit, die legendäre Wirkungsstätte ihres Großvaters besichtigen zu können: „Viel Neues haben wir nicht erfahren, aber wir waren hier.“


Die Nachfahren von Otto Ringel in Eisenhüttenstadt: Sebastian Krauß (Urenkel), Nicole Förster (Urenkelin), Barbara Förster (Enkelin) und Egbert Krauß (von links). Foto: Otto