Stahl: das ideale Material für einen nachhaltigen Wirtschaftskreislauf

Die Weltbevölkerung wird bis zum Jahr 2050 voraussichtlich von heute 7,5 Milliarden auf 9 Milliarden Menschen anwachsen. Pro Tag sind das 220.000 Menschen mehr auf der Erde. 220.000 Menschen  mehr, die immer mehr Dinge wollen. Das verlangt auch nach immer mehr Ressourcen, die aber endlich sind. Wenn alle Menschen den gleichen Lebensstil wie in Westeuropa genießen möchten, bräuchten wir drei Planeten unserer Art, ermittelte der WWF (World Wide Fund For Nature).

Was ist zu tun?

Die Lösung liegt in einem nachhaltigen Wirtschaftskreislaufsystem. Bevor ich ein paar Dinge zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft nenne und welche Konsequenzen das für ArcelorMittal hat, möchte ich eine kleine Episode erzählen. Ellen MacArthur hatte bei ihrem erfolgreichen Versuch im Jahr 2005 den Weltrekord für die schnellste Solo-Weltumsegelung zu brechen, folgendes Aha-Erlebnis: „Wenn du um die Welt segelst, nimmst du alles mit, was du brauchst. Wenn du drei Monate auf See bist, weißt Du, was endliche Ressourcen bedeuten. Was du hast, ist alles, was du hast – da ist einfach nicht mehr. Ich erkannte, dass es in unserer Weltwirtschaft nicht anders ist", beschreibt MacArthur. So gründete sie die Ellen MacArthur Stiftung, die das Ziel hat, den Kreislaufgedanken in der Wirtschaft zu verankern, einer Wirtschaft, die gegen die jetzigen Normen: ‚Ressourcen abbauen, produzieren, verkaufen, wegwerfen' eine Wirtschaft des Wiederherstellens und Regenerierens setzt.

Dafür sollen nicht nur Produkte und Dienstleistungen neu definiert werden, sondern Abfälle möglichst ganz vermieden und andere negative Auswirkungen minimiert werden. Dazu gehört auch der Wechsel zu erneuerbaren Energiequellen sowie Kapital aus nachhaltigen, ethischen Quellen. Ziel einer zirkulären Wirtschaft ist es, Ressourcen immer wieder neu zu nutzen und zu recyceln, so dass es keine Abfälle mehr gibt. Zusammenfassen kann man dies unter den drei ‚R': diese stehen für: Reduzieren, Wiederverwenden (Re-Use) und Wiederaufbereiten (Recycling).

Bild: Wirtschaftsvereinigung Stahl

 

Was bedeutet das konkret für ArcelorMittal?

Wir bei ArcelorMittal tragen auf drei Wegen zu den drei R bei: mit unseren Produkten, bei unseren Prozessen und durch neue Geschäftsmodelle und Kooperationen. Beginnen wir mit der Recyclingfähigkeit unserer Produkte. In diesem Punkt ist Stahl aufgrund seiner Eigenschaften als dauerhaftes, vielseitiges, unendlich recycelbares Material sozusagen ein Glücksfall. Seine magnetische Eigenschaft ermöglicht es zudem, ihn leicht aus Abfall wiederzugewinnen. Das macht Stahl zu dem Material erster Wahl für eine zirkuläre Wirtschaft. In der Tat hat die Europäische Umweltagentur (EAA) Stahl als Beispiel für eine gute Ressourceneffizienz in ihrem Bericht ‚Der europäische Umweltstaat und Ausblick 2015' geehrt. Verständlich, wenn man die Recyclingquote von Stahl mit 87 Prozent mit denen von Aluminium (67 Prozent), Beton (20 Prozent) und Holz (13 Prozent) vergleicht.

Allerdings ist bei Recycling-Raten, die in einigen Ländern bereits bei 90 Prozent liegen, kaum weiteres Einsparpotenzial vorhanden. Deshalb schauen wir auch, wie wir mehr mit weniger Einsatz produzieren können. Jede neue Generation von Stahl, die wir herstellen, ist noch stärker und flexibler. Das heißt, wir brauchen immer weniger Stahl für die gleiche Menge an Produkten. Das bringt uns auch schon zum nächsten R: dem Reduzieren. Nicht nur, dass wir immer weniger Stahl für ein Produkt brauchen, wir haben auch erhebliche Fortschritte gemacht, wenn es darum geht, die Menge an Rohstoffen und Energie zu reduzieren, die wir durch unsere Prozesse verbrauchen. So konnte die Energie, die für die Herstellung einer Tonne Stahl benötigt wird, im Vergleich zum Jahr 1960 um 60 Prozent reduziert werden. Beim Wasserverbrauch ist es ähnlich. So haben zum Beispiel unsere brasilianischen Anlagen insgesamt die Wassermenge allein zwischen 2015 und 2016 um 15 Prozent reduziert. Indem wir unsere Prozesse effizienter machen, reduzieren wir auch unsere CO2 -Emissionen. Aber es gibt noch weitere Herausforderungen. Wir brauchen in unseren Hochöfen immer noch Kohlenstoff zur Umwandlung von Eisenerz in Roheisen. Das bedeutet, dass wir auch im nächsten halben Jahrhundert weiterhin mit Hochöfen arbeiten müssen, es sei denn, es gibt eine bahnbrechende Technologie für eine kohlenstofffreie Stahlerzeugung. Solange müssen wir einen Weg finden, um den noch entstehenden Kohlenstoff zu verwenden. Das Projekt CCU (Carbon Capture and Usization) steht für Wiederverwendung von Kohlenstoff und hat dies zum Ziel. Gemeinsam mit unserem Partner LanzaTech arbeiten wir daran. Das bringt mich zu einem weiteren R, dem Re-Use: sprich, unsere Nebenprodukte wiederzuverwenden. Unsere Hochöfen produzieren Stahl, aber auch Kohlenstoff, Schlacke, Staub, Schlamm, Hitze und Gase – diese wieder zu nutzen ist das Ziel.

Weitere Partnerschaften in Planung

Wir haben bereits Projekte, bei denen wir die Prozessgase nutzen, um Strom für das nationale Netz zu generieren. Auf dem Gebiet sind weitere Partnerschaften in Planung. Vor kurzem hatte ich zum Beispiel die Gelegenheit, mit einem Spezialisten von Airbus über unsere Zusammenarbeit mit LanzaTech zu sprechen, bei dem unsere Kohlenstoffgase in Ethanol recycelt werden, die dann als Treibstoff für Autos oder sogar für Jets genutzt werden könnten. Auch Airbus sieht in dieser Technologie eine Lösung, da es eine brauchbare Alternative zu fossilen Brennstoffen ist und Flugzeuge niemals mit Solar- oder Windenergie fliegen werden können. Wir haben auch andere „Abfall"-Stoffe, die weiter genutzt werden könnten, z.B. kann Schlacke zur Herstellung von Zement, Windschutzscheiben, Isoliermaterial oder als Dünger verwendet werden – all dies mit dem Ziel der Abfallvermeidung. Die gleiche Idee steckt hinter der Partnerschaft mit der Zement- und Chemieindustrie. Zusammen mit unseren Partnern Evonik, LafargeHolcim und Solvay suchen wir nach möglichen Synergien zwischen den Herstellungsprozessen dieser drei energieintensiven Sektoren. Ein weiterer Schritt sind neue Geschäftsmodelle, die die Wiederverwendung fördern, wie zum Beispiel Leasing. Bei Spundwänden haben wir bereits ein solches Projekt initiiert. Auch so reduzieren wir den Umwelt-Fußabdruck. In Zukunft können wir auch Stahl für Gebäude leasen, die wieder abgebaut werden. Technisch ist das Entwerfen solcher Gebäude zur Wiederverwendung einfach. Die Herausforderung ist es, den Markt dazu zu bringen, Stahl zu diesem Zweck zu leasen. Im Moment machen die Stahlkomponenten nur zwei Prozent der Kosten eines Gebäudes aus, so dass der Markt wenig Anreize für ein solches Modell bietet. Da müsste es eine Gesetzgebung geben, die Gebäude mit geringem ökologischem Fußabdruck belohnt. Wir arbeiten daran, die Politik für eine zirkuläre Wirtschaft zu sensibilisieren. Der EU-Aktionsplan für eine kreislauforientierte Wirtschaft spielt dabei eine wichtige Rolle. Bis dahin lade ich Sie alle ein, über unsere Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle nachzudenken, damit wir als Stahlhersteller die drei R weiter entwickeln können auf unserem Weg zu einem „Nullabfallunternehmen" in einer "Nullabfallwelt".

Autor: Alan Night, General Manager und Leiter Corporate Responsibility und nachhaltige Entwicklung bei ArcelorMittal.