Ein Plan für den großen Stromausfall

Was ist ein Schwarzfall? Wie kehrt man danach wieder zum Normalbetrieb zurück? Gemeinsam mit den Produktionsbereichen von ArcelorMittal Bremen entwickelt Harald Spiess (TL01), Leiter des Projektes „Schwarzfall“, einen Notfallplan für den Standort.

Herr Spiess, was genau passiert bei einem Stromausfall?

Harald Spiess: „In der elektrischen Energieversorgung muss das Verhältnis von erzeugter zu verbrauchter Energie ausgeglichen sein. Ist das nicht der Fall, kann es zu einer Störung in der Energieversorgung kommen. Im schlimmsten Fall zu einem totalen Zusammenbruch der Stromversorgung. Dabei fallen sämtliche Anlagen, Kommunikationseinrichtungen, Medienversorgung und Datennetze schlagartig oder zeitversetzt aus. Die elektrische Spannungsversorgung muss anschließend, nach Wiederherstellung eines stabilen Versorgungsnetzes durch den Energieversorger, komplett neu aufgebaut werden. Wir reden hier über ca. 800 Schalthandlungen, die im Mittelspannungsnetz bei uns vorgenommen werden müssen.“

Warum brauchen wir einen Notfallplan?

„Wir brauchen einen ausführlichen Notfallplan, um im Fall eines großflächigen Stromausfalls, im Versorgungsnetz der Stadt Bremen und umzu, die Anlagenschäden möglichst gering zu halten und Risiken für das Personal minimieren zu können. Wenn das Licht in den Produktionshallen ausgefallen ist, und man sich beispielsweise auf einem Kran befindet, kann es beim Verlassen schnell zu einem Absturz kommen, weil man nicht sieht, wo man hintritt. Es geht auch darum, die Produktion möglichst schnell wieder aufnehmen zu können. Unsere Sicherheitsphilosophie in der Stromversorgung beruht nach wie vor darauf, dass eines unserer beiden Stromnetze „ruhig – vorwiegend für Steuerungen“ oder „unruhig – hauptsächlich für die Walzantriebe“ immer vorhanden ist, wie es beim Bau der Hütte eingeführt wurde. Dieser Ansatz muss unter den geänderten Bedingungen des Strommarktes in Bezug auf die Versorgungssicherheit hinterfragt und korrigiert werden.“

Wie wahrscheinlich ist ein Stromausfall überhaupt?

„Die Wahrscheinlichkeit eines Stromausfalls ist deutlich gestiegen, weil sich die Rahmenbedingungen rund um die Energieversorgung in Deutschland geändert haben. Durch Stilllegung von Kraftwerken und Nutzung der regenerativen Energien ist die Energieversorgung weniger planbar geworden. Die Netzeingriffe zur Stabilisierung des Stromnetzes sind seit 2003 bis heute von 3 Eingriffen pro Jahr auf 3 Eingriffe pro Tag gestiegen! Das birgt jede Menge Risiken, da bei jedem Eingriff auch mal ein Fehler auftreten kann.“

Welches Ziel verfolgt das Projekt „Schwarzfall“?

„Wir wollen hier in Bremen und in Bottrop in der Lage sein, beim Ausfall der kompletten elektrischen Versorgung die Anlagen mit den verbliebenen Restenergien (Batteriespannungen, Notdiesel oder anderen gespeicherten Energien) in einen betriebssicheren Zustand zu überführen, über die Ausfallzeit in dem Zustand zu halten und anschließend wieder in Betrieb zu nehmen. Dabei ist es wichtig, jegliche Personenrisiken auszuschließen und die Anlagenschäden soweit zu minimieren, dass im Anschluss keine langwierigen  und kostenintensiven Reparaturarbeiten vorgenommen werden müssen.“

Wie wollen wir das erreichen?

„Wir brauchen dafür eine entsprechende hüttenweite Organisationsstruktur, festgelegte Kommunikationswege und vor allen Dingen eine klare Definition der Verantwortlichkeiten und Kompetenzen, damit im Ernstfall jeder weiß, was er tun toll. Dieses wird durch eine übergeordnete Verfahrensanweisung für die Hütte und unterlagerte Betriebsanweisungen, auf den jeweiligen Betrieb zugeschnitten, geregelt. Wir müssen alle Mitarbeiter unserer Anlagen schulen und sie auf eine solche Situation vorbereiten. Denn in einer Notsituation hat man keine Zeit, Betriebsanweisungen zu lesen. Zumal man davon ausgehen kann, dass die EDV-Systeme, in denen diese gespeichert sind, bei einem Schwarzfall nicht funktionieren. Zusätzlich analysieren wir unsere Produktions- und Versorgungsanlagen bezüglich der Ausfallsicherheit. Im nächsten Schritt prüfen wir, welche Probleme beim Wiederaufbau der Stromversorgung und der Rückkehr zum Normalbetrieb auftreten können. Unter anderem legen wir dabei die Reihenfolge der notwendigen Schalthandlungen fest, um unsere Anlagen nach einem Stromausfall koordiniert wieder in Betrieb nehmen zu können.“

Herr Spiess, danke und viel Erfolg!